Eine unterhaltsberechtigte (Ex-)Frau lernte nach ihrer Ehescheidung im Jahr 2013 einen Mann kennen, mit dem sie seit 2017 zwar im selben Wohnhaus aber getrennt in รผbereinander liegenden Wohnungen wohnt. Der geschiedene Ehegatte nahm darin die Begrรผndung einer Lebensgemeinschaft an und sah sich daher berechtigt die weitere Unterhaltszahlung einzustellen. Seine Ex-Frau zeigte sich damit jedoch eher weniger einverstanden. Der daraus entstandene Unterhaltsstreit mรผndete in einen Rechtsstreit, der sogar den Obersten Gerichtshof (OGH) beschรคftigen sollte.
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Im Konkreten hatten die Gerichte zu ermitteln, ob die Frau mit dem benachbarten Mann eine Lebensgemeinschaft eingegangen ist, die nach der stรคndigen Rechtsprechung des OGH dazu fรผhren wรผrde, dass der (gesetzliche oder vertraglich vereinbarte) nacheheliche Unterhaltsanspruch zu einem Ruhen kommt. Zentral fรผr das Vorliegen einer nicht ehelichen Lebensgemeinschaft ist neben der โEheรคhnlichkeitโ auch das lรคnger andauernde Zusammenleben in einer Wohn-, Wirtschafts- und Geschlechtsgemeinschaft.[1]
Von einer Wohngemeinschaft kann grundsรคtzlich dann ausgegangen werden, wenn die Partner tatsรคchlich gemeinsam in einer Wohnung wohnen und diese ihren dauernden Lebensmittelpunkt darstellt. Das Fehlen einer solchen Wohngemeinschaft schlieรt allerdings nicht automatisch eine Lebensgemeinschaft aus. Eine Wirtschaftsgemeinschaft wird von der Rechtsprechung angenommen, wenn die Lebensgefรคhrten die Bedรผrfnisse des tรคglichen Lebens auf gemeinsame Rechnung bestreiten, also den jeweils anderen โan den zur Bestreitung des Unterhaltes, der Zerstreuung und Erholung zur Verfรผgung stehenden Gรผtern teilnehmen lassenโ.[2]
Die Frau erklรคrte in diesem Fall, dass sich weder persรถnliche Gegenstรคnde des einen in der Wohnung des anderen befinden, noch die jeweiligen Wohnungsschlรผssel gegenseitig ausgetauscht wurden. Zwar komme es sporadisch zu gemeinsamen รbernachtungen in einer der beiden Wohnungen, allerdings gebe es keine gemeinsame Haushaltsfรผhrung. Sie fรผhrte dazu aus, dass jeder fรผr sich selbst einkauft, kocht sowie die Wรคsche wรคscht und auch keine wechselseitige (finanzielle) Unterstรผtzung zur Bewรคltigung der Haushaltsfรผhrung stattfindet. Des Weiteren gebe es weder ein gemeinsames Konto, noch wurden gemeinsame Anschaffungen getรคtigt.
Die Vorinstanzen โ zuletzt das Landesgericht Klagenfurt als Berufungsgericht โ sowie der OGH kamen zum Entschluss, dass aufgrund der geschilderten Umstรคnde keine Lebensgemeinschaft angenommen werden kรถnne. Der betroffene Ex-Mann erwiderte dieser Auffassung, dass aufgrund der unmittelbar aneinandergrenzenden Wohnungen nicht verlangt werden dรผrfe, dass die beiden tatsรคchlich in einer Wohnung leben mรผssen, um das Vorliegen einer Wohngemeinschaft bejahen zu kรถnnen. Dem wurde entgegnet, dass die hier vorliegende rรคumliche Nรคhe zwar ein Indiz fรผr eine Lebensgemeinschaft sein kรถnne, allerdings hier der offenkundig bewusste Ausschluss jeder wirtschaftlichen Verflechtung sowie die fehlende (finanzielle) gegenseitige Unterstรผtzung der Haushaltsfรผhrung als โbeschrรคnkte Wirtschaftsgemeinschaftโ zur Feststellung einer Lebensgemeinschaft nicht ausreiche, selbst wenn die Geschlechtsgemeinschaft offenkundig und unbestritten ist.
Zuletzt argumentierte der unterhaltspflichtige Mann, dass das Unterhaltsbegehren aufgrund des konkreten Verhรคltnisses zwischen der Frau und dem benachbarten Mann, welche als โPaarโ wahrgenommen werden, sittenwidrig sei.[3] Dem stimmte der OGH nicht zu und verwies darauf, dass die Formulierung, auf welche sich der Mann berief, bloร solche Fรคlle betreffe, in denen das Vorliegen einer Lebensgemeinschaft bejaht und als unterstรผtzendes Argument fรผr das Ruhen des Unterhaltsanspruchs verwendet wurde.
Sowohl die Vorinstanzen als auch der OGH kamen zum Ergebnis, dass die Frau keine Lebensgemeinschaft eingegangen und somit ihr Anspruch auf nachehelichen Unterhalt nicht zu einem Ruhen gekommen ist. Der Mann sei demnach weiterhin unterhaltspflichtig.
Entscheidung: OGH 14.07.2022, 1 Ob 98/22a
[1] Diese drei Merkmale mรผssen allerdings nicht stehts zusammen vorliegen (vgl. RIS Justiz RS0047000).
[2] RIS Justiz RS0047035.
[3] Vgl. OGH 16.03.2007, 6 Ob 28/07x (Sittenwidrig sei ein Unterhaltsbegehren bei einer derart intensiven und umfassenden Beziehung, die den Rรผckgriff auf die Fortwirkungen der Ehe รคchte und den Unterhaltspflichtigen der Lรคcherlichkeit preisgebe).
